Von Ingenieurkunst und dem Umgang mit verwaisten Orten

Reflektionen zum Alten Leipziger Bahnhof
von Wieland Garn, 2019

Bahnhof Neustadt mit Fensterputzern im Morgenlicht, Wieland Garn 2018

Bahnhof Neustadt mit Fensterputzern im Morgenlicht, Wieland Garn 2018

Mein Großvater arbeitet bis ca. 1945 als Schweißermeister im Dampfkesselbau Übigau mit Werkswohnung auf der Rethelstraße, mein Vater arbeitete nach dem Krieg im Transformatoren- und Röntgenwerk Dresden (TuR), in dem später auch mein Bruder seine Lehre begann. Während der DDR-Zeit gehörte das Übigauer Schloss zu TuR. Dadurch gab es während meiner Kindheit und Jugend einige Berührungspunkte mit Stadtteil und Schloss Übigau, verstärkt durch Fotos aus der Zeit bis 1945, als auch meine Mutter mit ihrer Schwester dort lebte, zur Schule ging und arbeitete. Der mir bis 1986 nur über Briefe bekannte Großvater und mein Vater waren beide technik-affin und gaben es an mich weiter. Obwohl wir in der neuen Pirnaischen Vorstadt aufwuchsen kamen so die Örtlichkeit Übigau und Schloss Übigau über Eltern und Großmutter in die Herzen meines Bruders und mir. Während meiner Abwesenheit von Dresden verfolgte ich aus der Ferne das Geschehen um das Schloss, den Verfall und die Rettungsversuche eines Vereins und kam für mich immer wieder zu dem Schluss, dass dieser Ort mit seiner langen und spannenden Geschichte der ideale Standort für ein deutsches oder gar europäisches Dampfkraftmuseum (Übigau = 1. deutsches Dampfschiff / 1. deutsche Dampflok) wäre. Ich stellte mir vor, wie ähnlich (dampf-)Technikbegeisterte aus aller Welt nach Dresden-Übigau, zum Schloss und die anliegenden alten Werft- u. Produktionshallen streben um eine authentische und aufregend gestaltete Geschichte der Dampfkraft zu erleben.

Für Übigau hätte ich also eine Vision. Leider habe ich weder Geld noch Einfluss, diese Idee umzusetzen.

Von der Existenz der Überreste des alten Leipziger Bahnhofes in Dresden weiß ich aber erst seit 2016 und war erschrocken, wie die Bahn (Stadt?) ein geschichtlich so einmaliges Kleinod hat so verkommen lassen.

Spontan entwickle ich meine Übigau-Idee weiter und springe vom Verkehrsmuseum in der Stadtmitte zur Außenstelle Leipziger Bahnhof, von dort weiter nach Übigau ins Dampfkraftmuseum und wenn noch Zeit ist nach Trachau ins Straßenbahnmuseum oder an die Nossener Brücke ins Eisenbahnmuseum. Am nächsten Tag gibt es eine Fahrt mit dem Dampfschiff auf der Elbe inklusive ausführlicher technischer Erläuterungen. Träumen ist möglich.

Ich empfinde das Terrain am Leipziger Bahnhof, im Grunde ein Dreieck, als ein seit der Wiedervereinigung vergessenes und verwunschenes Gebiet. Abgeriegelt durch eine enorme Verkehrsdichte auf der Leipziger-, Hansa-/Großenhainer Straße mit dem Bahndamm als zusätzlicher Sichtbarriere und dem Großen Bahndamm an der Eisenbahnstraße. Nach „hinten“ (Erfurter Str.) verläuft das Gebiet für mich gefühlt ins Nichts. Den sogenannten Alten Schlachthof kenne ich nicht. Bis 1990 fuhr ich mit Trabbi oder Straßenbahn daran vorbei. Stadtauswärts links an der Leipziger gab (gibt) es u.a. eine Arzneimittelfabrik, es folgten in barackenähnlichen Bruchbuden die Firma „Spalteholz“, eine Fahrschule und weiter zum Puschkinplatz hin war eine BHG. Bei Spalteholz kaufte man Leisten (richtiges Konstruktionsholz gab es in der ganzen Stadt nicht), die Fahrschule war bei drei Jahren Anmeldezeit ein Ort des Abgebens und Wartens oder der Bestechung und Beziehungen und in der BHG kaufte man Spaten, Holzrechen, Sämereien oder Bi58 und Wofatox. Die Leipziger Straße war gefühlt nur links vorhanden und beidseitig so hässlich, dass ich dort niemals grundlos zu Fuß entlang gegangen wäre.

Die Hansa-/Großenhainer Straße war ebenfalls ein vollkommen unsichtbares, uninteressantes und hässliches Gebiet. Gefühlt einsam und allein stand dort die St. Petri-Kirche. Da ich nichts mit der Kirche zu tun hatte war mir unklar, was diese Kirche dort sollte. Von meinem Eindruck her wohnte dort niemand.

Im Grund sah es im betroffenen Gebiet bis vor Kurzem noch so aus wie von mir beschrieben. Nun, ganz plötzlich, ändert die elbseitige Leipziger Straße ihr Aussehen grundlegend. Und ebenso plötzlich bieten sich Gedankenspiele an, die bisher nicht vorstellbar waren.

Eine große Hürde bei der Einbindung der „Neuen Vielfalt Leipziger Bahnhof“ an die Neubebauung zur Elbe hin und den sich bisher dort befindlichen (sommerlichen) Freizeitmöglichkeiten an Elbe und Hafen ist die Leipziger Straße. Dieses Problem sollte bei der Neugestaltung des Bahnhofsgebietes gelöst werden. Eine gefahrlos nutzbare Anbindung an die Elbe würde die Attraktivität einer Wohnbebauung innerhalb des Dreiecks am Bahnhof enorm steigern.

Ebenso brauchte es einen Übergang über die Großenhainer, wobei ich nicht wüsste wo. In diese Richtung kenne ich als Freizeitziel nur einen Spielplatz an der Friedensstraße. Der historisch hochinteressante Innere Neustädter Friedhof wird für Freizeitaktivitäten weniger in Betracht kommen.

Nun wird erkennbar, dass ich mir die „Neuen Vielfalt Leipziger Bahnhof“ nur als Wohnbebauung vorstellen kann.

Außer dem Alten Leipziger Bahnhof gefällt mir der überdachte, seitlich offene Güterboden (b) am Ende der Ladestraße sehr. Ich empfinde es als ein Glück, dass diese interessante Holzkonstruktion noch so gut erhalten ist. Und stelle mir vor, diese Überdachung als ein Kaffee oder Restaurant oder eine Mittagskantine im Wohngebiet zu nutzen. Man könnte es auch mit etwas Geschick zum Teil verglasen. Mit ganz viel Fantasie könnte ich mir vorstellen, dass beide Lagergebäude links und rechts der Ladestraße eine gemischte Szenegastronomie beherbergen, die allerdings die Wohnqualität im Quartier nicht beeinträchtigen sollte.

Der eigentliche Alte Leipziger Bahnhof ist nur noch eine schlimme Ruine. Ihm bleiben wohl nur zwei Möglichkeiten: Totalabriss und Vergessen oder Wiedererstehung als „potemkinsches“ Gebäude, ähnlich der Ensemble an der Frauenkirche. Also ein Neubau mit möglichst original nachgebauter

Außenhülle. Zur Nutzung fällt mir auch nur ein Kaffee o.ä. ein weil in dieses sich der kleine Lokschuppen integrieren ließe. Beides, Lokschuppen und Bahnhofsgebäude, sollten in irgendeiner Art erhalten werden. Die Frage einer jungen Teilnehmerin der Führung, ob dieser Bahnhof wohl der erste Fernbahnhof Deutschlands sein könnte oder ist, lässt keine andere Entscheidung zu. Allerdings wäre bei der Nutzung als Kaffee und dem in den Güterböden ebenfalls vorgeschlagenen womöglich eines zu viel im Gebiet. Natürlich wäre es wunderbar, wenn man, egal bei welcher Nutzung, wenigstens im wiedererstandenen Lokschuppen eine Vorstellung von der Größe (der Kleinheit) und dem Aussehen der damals verwendeten Lokomotiven vermitteln könnte.

Eine weitere Möglichkeit für die Lagergebäude an der Ladestraße könnte der Umbau zu einer Art Reihenhäuser sein. Der Innenbereich mit der Pflasterung könnte erhalten bleiben (auch als Parkmöglichkeit der Bewohner), die jeweiligen Außenseiten der Gebäude, einmal zur Leipziger Straße hin und das andere Gebäude zum Leipziger Bahnhof hin, könnten Vorgärten erhalten. Vom Ensemble her könnte es ähnlich erscheinen wie in Landsberg am Lech die Hintere Salzgasse. Dort hat man einen langgestreckten eingeschossigen Satteldachbau, ein ehemaliges Salzstadel (von 1754), in Wohn-und Geschäftseinheiten umgebaut.

Zu den offenen Rampen (c) kam mir dieser Gedanke: Wenn man geschickt einen winzigen Teil dieser Rampen stehen lässt und in einen kleinen Fitness-Parcours verwandelt, könnte das ebenfalls das Terrain aufwerten. Meiner Meinung nach stehen die offenen Rampen sowieso im Widerspruch zum historischen Bahnhof, weil sie erst später gebaut wurden. Einzig die Gleise oder das Gleis, was als Deportationsgleis identifizierbar ist, sollte, wenn eindeutig als solches an diesem Ort belegbar, erhalten und mit Hinweis versehen werden. Im Zusammenhang mit dem heutigen Erscheinen dieser Stelle könnte man sogar sehr mutig den Versuch machen, die Wohnwagensiedlung mit ins Terrain zu integrieren. Geschickt geplant und organisiert könnte das sogar eine Bereicherung für das neu entstehende Viertel werden.

Es wird immer deutlicher, dass ich das Großmarkprojekt von Globus als einen großen Fehler an diesem Ort empfinde. Selbst wenn ich mir dort nie eine Wohnung werde leisten können wünsche ich mir dahin ein Wohngebiet. Ich sehe von der Hansastraße aus durch die offenen hellen Bahnbögen, dahinter Wohnhäuser, von deren oberen Wohnungen man über den Bahndamm ins Viertel jenseits der Hansa-/Großenhainer Straße, in Richtung Stadt über die Eisenbahn zur Frauenkirche oder über die Elbe ins Ostragehege blicken kann, zur Leipziger Straße hin werden die Gebäude flacher und zwischen Leipziger Straße und den Häusern bleibt der teilweise erhaltene Metallzaun mit seinem hohen Sandsteinsockel und ein breiter Streifen mit vorhandenen und neuen Bäumen als Lärm- und Staubschutz. Einkaufsmöglichkeiten im neuen Wohngebiet könnten sich aufs Notwendigste beschränken weil es nicht weit ist zum Lidl im Bahnhof Neustadt (naja, ist wohl eher unwahrscheinlich, dass die dort wohnenden in den Lidl im Bhf. Neustadt einkaufen gehen…, dann installieren wir eben einen Bioladen ins Viertel) und in die Leipziger Straße oberhalb des Puschkinplatzes.

Vor dem Schulkomplex auf dem Terrain des ehemaligen Straßenbahnhofes Tolkewitz hat man es vorgemacht: dort wurden Zufahrtsgleise zu den ehemaligen Hallen geschickt in den Vorplatz integriert. Die ehemalige Lage der Gleise aus dem Alten Leipziger Bahnhof in Richtung alte Marienbrücke könnte auf ähnliche Weise bis zum Portal nachempfunden werden.

Erstaunlicherweise bin ich während dem Schreiben unbewusst vom Thema Museum im Alten Leipziger Bahnhof abgerückt. Die anfänglichen Ausführungen zu Übigau und Dampfkraft sollten eigentlich mit dem Ende meiner Gedanken hier wieder zusammen kommen. Das ging also nicht so aus wie anfangs gedacht.

Allerdings hätte ich, im zweiten Anlauf, doch noch einen vollkommen abwegigen Gedanken, wieder nur aus meiner ganz persönlichen Sicht: Auch das Verkehrsmuseum wurde 2016 mit den Erinnerungen aus meiner Kindheit verglichen und kam dabei schlecht weg. Ich fand für mich wichtige Exponate nicht mehr, dafür aber einen großen Spielplatz. Und ich hatte den Eindruck, dass aus Raumnot an Themen und Informationstiefe gespart wird. Was wäre das für ein Wahnwitziger Gedanke, das Verkehrsmuseum in das Dreieck am Alten Leipziger Bahnhof zu verlegen. Dort könnte man alles zusammenführen; Straßenbahn, Eisenbahn, Straßenverkehr und mit der Elbe über die Straße die Elbe(Fluss)schifffahrt und das alles sogar mit Gleisanschluss (wenn bereits abgebaut sollte er wiederherstellbar sein). Das ist natürlich eine noch verrücktere Vision als das Dampfkraftmuseum im Übigauer Schloss. Man stelle sich vor, ein Areal, groß genug für spätere Erweiterungen und unter einem Dach alles, was dazugehört: Archive, Restauratorenwerkstätten, wissenschaftliche Abteilungen, Werbeabteilung, Ehrenamt in Fachabteilungen, internationale Kontakte, Restaurants. Kräfte bündeln, nicht mehr jeder für sich. Und für das Johanneum findet sich etwas viel lukrativeres als das jetzige Verkehrsmuseumchen…

Pardon, die Fantasie …, aber – hiermit ist die Kurve zum Museum im (am) Alten Leipziger Bahnhof doch noch geschafft.